Manchmal beobachte ich ältere Paare beim Spazierengehen. Ich suche nicht danach. Es ist eher so, dass mich ein bestimmts Muster immer wieder einfängt und nachdenklich macht.
Ein Mann und eine Frau, sehr wahrscheinlich ein Ehepaar, das schon viele Jahre miteinander verbracht hat. Vielleicht haben sie Kinder, die bereits erwachsen sind. Vielleicht bereisten sie einst die Welt oder arbeiteten auf ihrem eigenen Hof. Ich hoffe immer, dass sie bis hierhin ein schönes Leben hatten. Doch eines lässt mir keine Ruhe. Ich sehe es immer wieder. Es sind nur ein paar Schritte. Doch sie fühlen sich weiter an, als diese alten Füße tragen könnten. Weiter, als die 3 Meter Betonplatten. Weiter, als die 4 Meter Schotterweg. Weiter, als diese wenigen Meter an der Wasserkante des Meeres.
Vielleicht ist es die bequemere Art zu gehen. Vielleicht hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach, die so schwer sind, dass man sie lieber mit sich selbst ausmacht. Vielleicht ist es aber auch eine verbildlichte Geschichte eines langsamen Entfernens voneinander.
Es sind nur ein paar Schritte, die zwischen dem alten Mann und der alten Frau liegen. Doch kein Blick führt zurück. Keine Augen suchen sich. Es ist, als ob der Wind leise durch ein von der Zeit gespaltenes Gehölz weht… als ob ein kleines Rinnsal einen Stein über die Jahre ausgewaschen hat und die zwei Hälften auf ewig unerreichbar für einander geworden sind.
Es ist nicht so, dass ich es alle paar Jahre mal wahrnehme. Leider ist es nicht so. Diese Menschen kreuzen immer wieder meine Wege. Nicht aktiv und nicht gesucht. Oft sehe ich ein älteres Pärchen aus dem Auto heraus. Ich habe gerade geparkt und will aussteigen, da fängt mein Blick wieder diese Distanz ein und ich zögere, bevor ich aussteige. Ich beobachte die Zeit, wie sie leise wispert. Wie die vertrauten Jahre in nur ein paar Schritten langsam ungefühlt werden.
Manchmal gehe ich spazieren und ein älterer Mann geht an mir vorbei. Scheinbar in Gedanken versunken, zieht er weiter. Kurz darauf begegne ich einer älteren Frau, die ebenso stumm vor sich hingeht. Vielleicht sind es die Gedanken, die so laut geworden sind, dass es ein paar Schritte Distanz braucht, um sie ertragen zu können. Nur ein paar Schritte, dann ist alles ok. Nur ein paar Schritte, dann ist alles ruhig.
Vielleicht steckt weniger dahinter, als meine Interpretation. Doch manchmal fühle ich die stummen Blicke, die verletzten Seelen, die gebrochenen Herzen, die einmal für immer zusammengehörten. Manchmal fühle ich die Worte, die in der Distanz verloren gehen. Die leise im Herzen geflüsterte Entschuldigung, das leise Bitten, um Verständnis, die zarte Stimme der Seele, die sich danach sehnt, nochmal neu anzufangen. Und dann sitze ich da und sehe ihnen nach. Leise bedauernd, ob meiner eigenen Machtlosigkeit.
Und auf ihrem Weg hinterlassen sie leise Erinnerungen. Sie legen sie ans Ufer des Meeres, an den großen Baum, neben dem Feldweg. Sie lassen sie in den See gleiten und hoffen, dass es leichter wird.
Und manchmal fühlen wir an bestimmten Orten eine Wehmut, die nicht an diese Stelle zu passen scheint. Es waren nur ein paar Schritte. Ein paar Schritte Unendlichkeit.





Mir begegnen diese Paare auch immer wieder und ich frage mich dann oft, was sie noch zusammenhält, wenn sie sich auf ihrem Weg Stückweise verloren haben, weil es zu anstrengend war, den Weg gemeinsam zu gehen.