Mitten im Tag passiert es.
Nicht dort, wo wir es erwarten. Nicht in Momenten der Ruhe oder der Suche, sondern genau dann, wenn alles gewöhnlich ist. Wenn die Hände beschäftigt sind. Wenn die Gedanken verstreut sind wie Staub im Licht. Vielleicht in der Küche beim Warten auf den Wasserkocher. In der Straßenbahn zwischen zwei Haltestellen. Oder im Supermarkt, wenn man eigentlich nur nach Brot greift und für einen Moment nicht wirklich da ist.
Und dann, ohne Ankündigung, bleibt etwas hängen.
Ein Blick, der zufällig irgendwo landet. Ein Licht, das anders fällt als eben noch. Ein Geräusch, das für einen Herzschlag länger nachhallt, als es sollte. Nichts davon ist außergewöhnlich. Und doch verschiebt sich etwas.
Als würde die Welt für einen winzigen Moment nicht nur gesehen, sondern durchdrungen werden.
Man ist noch immer derselbe Mensch an derselben Stelle. Und gleichzeitig ist alles ein kleines Stück weiter entfernt und ein kleines Stück näher zugleich.
Vielleicht ist es nur die Erkenntnis, dass dieser Augenblick nie wieder genau so existieren wird. Dass das Licht, das gerade durch ein Fenster fällt, bereits im Verschwinden begriffen ist, während es erscheint. Dass die Version von uns, die genau jetzt fühlt, bereits eine Spur Vergangenheit wird, während sie noch erlebt.
Und für einen kurzen Moment entsteht diese seltsame Spannung im Inneren. Leicht und schwer zugleich. Still und überwältigend. Vertraut und unverständlich.
Als hätte sich eine verborgene Seite der Welt gezeigt, ohne sich wirklich zu zeigen.
Etwas in uns hebt den Kopf. Nicht der Teil, der plant, ordnet, erklärt. Sondern der andere. Der, der ohne Sprache versteht. Der, der nicht denkt, sondern spürt. Der, der ahnt, dass hinter allem Gewöhnlichen etwas liegt, das sich nicht greifen lässt.
Vielleicht in der Schlange an der Kasse, wenn man plötzlich das Gesicht eines fremden Menschen sieht und sich fragt, welches Leben sich dahinter verbirgt. Vielleicht beim Geräusch von Regen auf Asphalt, das für einen Moment alles andere übertönt. Vielleicht in einem völlig belanglosen Augenblick, der sich aus unerklärlichen Gründen wie Bedeutung anfühlt.
Dann versucht der Verstand nachzukommen. Er sucht Begriffe. Er sucht Sinn. Er sucht eine Linie, an der er sich festhalten kann.
Doch oft zerfällt genau in diesem Versuch das, was eben noch so klar gefühlt wurde. Nicht, weil es unwahr war. Sondern weil es nie dafür gedacht war, in Worte zu passen.
Vielleicht sind es genau diese flüchtigen Augenblicke, die uns am meisten berühren. Weil sie uns für einen Herzschlag aus dem Gewohnten lösen. Weil sie uns daran erinnern, dass wir nicht nur in Gedanken leben, sondern in einer Tiefe, die wir selten betreten.
Und manchmal bleibt etwas davon zurück. Als leises Kribbeln irgendwo im Inneren. Wie ein Nachhall von etwas, das wir nicht festhalten konnten und trotzdem nicht verlieren.
Als hätte die Welt uns kurz berührt. Und uns dabei daran erinnert, dass wir mehr sind als der Strom unserer Gedanken.





Das ist wunderschön geschrieben.
Ich nenne diese Momente „die Zeit zwischen den Zeiten“.
Hab Dank dafür.
Auch ein sehr passender Name. Vielen Dank, Regine🙏🏼✨️