Es gibt Erinnerungen, die leise flüstern. Sie tragen keine großen Ereignisse in sich und keine spektakulären Geschichten. Und doch leuchten sie bis heute wie kleine Lichter irgendwo tief im Inneren.
Wenn ich an Kindheit denke, denke ich nicht zuerst an Spielzeug oder einzelne Tage. Ich denke an Gefühle. An dieses warme, schwer greifbare Gefühl von Geborgenheit, das damals so selbstverständlich war, dass man es kaum bemerkt hat.
Ich denke an Sommerabende, an denen das Licht langsam golden wurde und irgendwo in der Ferne ein Rasenmäher summte. An geöffnete Fenster, durch die der Duft von frisch gemähtem Gras zog. An warme Pflastersteine unter nackten Füßen. An das Geräusch von Geschirr aus der Küche, während draußen Kinder lachten und Fahrräder über die Straße rollten. An diesen Busch mit seinen vielen weißen Blüten, der über den Sandkasten ragte und dessen Duft ich noch immer riechen kann. An dieses Kribbeln im Bauch, wenn der Freude nichts im Weg stand.
Damals schien ein Tag endlos zu sein. Ein Nachmittag konnte ein ganzes kleines Leben enthalten.
Man baute aus Decken Höhlen, verlor sich in Geschichten, beobachtete Regentropfen am Fenster, Schnecken, die langsam ihre Fühler aus ihren Häuschen streckten oder man lag einfach im Gras und schaute in den Himmel, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Und vielleicht gab es das auch wirklich nicht.
Ich erinnere mich weniger an Worte als an Stimmen. An Klangfarben. An das vertraute Rufen der Eltern aus einem anderen Raum. An das leise Murmeln eines Fernsehers am Abend. An Schritte im Flur, während man halb eingeschlafen unter einer Decke lag und wusste: Alles ist gut.
Kindheit hatte ihren eigenen Geruch. Einen, den man später nie wieder findet, sondern der nur noch in der Erinnerung existiert. Im Sommer roch es nach Regen, aufgewärmter Erde und Freiheit. Im Winter nach Mandarinen, warmen Heizungen und Kerzenlicht. Nach dicken Jacken, in denen man verschwand und nach Eis, das schneller schmolz, als man es begreifen konnte. Und über all dem lag ein Geruch, der nicht greifbar war. Der Geruch der Kindheit.
Und irgendwo zwischen all dem lag etwas, das viele Erwachsene verlieren: das völlige Aufgehen im Augenblick. Ein Stock konnte ein Schwert sein. Eine Pfütze ein Abenteuer. Ein Baum, der stille Begleiter eines leisen Tages. Ein Sonntagmorgen ein stiller Raum, in dem die Welt langsamer wurde.
Ich weiß, dass nicht jeder eine solche Kindheit hatte. Manche verbinden diese Zeit nicht mit Wärme. Manche Menschen mussten viel zu früh Dinge fühlen, die kein Kind fühlen sollte. Dabei sollte Kindheit eine Zeit… Ein Ort sein, an den man gerne zurückdenkt.
Vielleicht ist das, was wir vermissen, gar nicht die Zeit selbst. Sondern dieses Gefühl: dass jemand auf uns aufpasst. Dass die Welt größer aber auch behüteter war. Dass ein Sommertag reichen konnte, um vollkommen zu sein. Und vielleicht verschwindet das Kind in uns nicht wirklich. Vielleicht wird es nur leiser. Manchmal taucht es wieder auf. Im Geruch von Regen. In einem Lied, das plötzlich etwas in uns bewegt. Im offenen Fenster in einer späten Nacht, wenn der Raum für einen Moment still wird und sich etwas Altvertrautes durch ihn zieht. Als hätte jemand kurz die Welt zurückgedreht, ohne etwas zu sagen… Als würde irgendwo ein alter Sommer kurz durch die Zeit gehen, ohne anzuklopfen.
Vielleicht berührt uns Kindheit deswegen so tief, weil sie der letzte Ort war, an dem Zeit noch kein Gegner gewesen ist.
Ich denke dann an ein Zimmer, in dem das Licht nie ganz ausgeht. An Staub, der im Sonnenstrahl tanzt. An Stimmen aus einem anderen Raum, gedämpft und sicher, als läge die Welt noch weiter weg als heute.
Und ich erinnere mich an diesen einen Nachmittag, an dem niemand etwas Besonderes gesagt hat. Und trotzdem war einfach alles gut. Ohne Grund. Als Hätte die Welt kurz vergessen, dass sie sich weiterdrehen muss. Und manchmal an diese eine Frage aus der Kindheit: wann man eigentlich groß ist.
Und irgendwann wurde dieses Gefühl leiser, ohne dass man den Moment gesehen hat, in dem es gegangen ist.
Vielleicht merken wir erst viel später, dass nichts davon einfach verschwindet. Dass es nur still wird.





Das hast Du so wunderbar geschrieben, als wäre es meine Kindheit gewesen. Sind wir zusammen aufgewachsen? 😉
Liebe Grüße
Regine
Liebe Regine, ich freue mich sehr, dass dir der Beitrag gefällt und du dich darin so gut wiederfinden kannst:)! Wenn man doch dieses Gefühl von damals noch für einen Tag lang wiederbekommen könnte.